Nachdem die Quadrantiden im letzten Jahr erbarmungslos dem Wetter zum Opfer gefallen
waren, blieb auch für dieses Jahr nicht viel Hoffnung. Zwar planten wir Berliner Beobachter
(DUBKA, MOLSI und zwei Astrofotografen) unsere Meteorexpedition schon Wochen im
Voraus, so richtig geglaubt hatte daran jedoch wohl keiner - zu gut waren die Begleitumstände
1995: Neumond kurz zuvor, dazu das Maximum mitten in den Nachtstunden.
Entgegen allem Pessimismus riß der Himmel jedoch pünktlich am Morgen des 3.Januar auf.
Während der ganzen Fahrt nach Hannover - dieser Beobachtungsort war uns auf Grund
beruflicher Umstände vorgegeben - bedeckte nicht ein Wölkchen den strahlend blauen Himmel,
so daß sich am Nachmittag doch der erste leise Optimismus für die kommende Nacht
verbreitete. Pünktlich um siebzehn Uhr erreichten wir unser Ziel, eine Stunde später saßen wir
bereits mit unseren ebenfalls eingeflogenen holländischen Mitstreitern Felix und Marc in der
Pizzeria an der Ecke und schmiedeten die letzten Schlachtpläne. In dieser Nacht wollten wir
endlich unsere ersten 'double station' Videometeore aufzeichnen!
Nachdem sich jeder in mehrere Schichten warmer Kleidungsstücke gehüllt hatte, suchten wir
nach einen Beobachtungsplatz außerhalb der Stadt und wurden schnell fündig. Zuerst bauten
wir dort bei frostigen 7 Grad unter Null eine stattliche Funkantenne auf, die uns in den
kommenden Stunden miteinander in Kontakt halten sollte. Dann konnten wir uns voll und ganz
der mitgebrachten Technik widmen, während die Holländer zu einem südlicher gelegenen Platz
weiterfuhren.
Der Kofferraum unseres Caravans war bis an die Decke mit Computerkram, Fernrohren,
Videotechnik und Kameras gefüllt, so daß 4 Mann voll damit ausgelastet waren, all die schöne
Technik in Stellung zu bringen. Wichtigstes Gerät war ein Stromgenerator von der
Archenhold-Sternwarte, der bei unserer Expedition seinen Jungferneinsatz hatte und unsere
positiven Erwartungen glänzend erfüllte. Mit ihm sind wir nun völlig unabhängig von
Steckdosen und können das ganze stromhungrige Equipment überall betreiben.
Nach guten 1,5 Stunden Aufbauzeit gab es erstes Licht für unser Videosystem
MOVIE, auch
die von uns betriebene Allsky-Station der Holländer begann mit der Jagd auf Meteore. Nach
einer weiteren Stunde war auch der Computer angeschlossen und alle Vorkehrungen für die
visuelle Beobachtung getroffen, so daß es um halb zwölf MEZ endlich losgehen konnte.
Der Himmel war ganz brauchbar, auch wenn einen die Grenzhelligkeit auf Grund der hellen
Schneeflächen ringsherum sicherlich nicht vom Hocker riß. Ein größeres Problem war da
schon die hohe Luftfeuchtigkeit, binnen Minuten waren alle Objekte im Freien mit einer
dicken Reifschicht überzogen. Aber was verlangt man denn schon als Meteorgucker - das
Quadrantidenmaximum steht an und es ist keine Wolke am Himmel!
So beobachteten wir also drauf los und wurden wahrlich nicht enttäuscht - trotz des noch
tiefstehenden Radianten war man ausreichend 'beschäftigt'. Während die beiden
Astrofotografen auf Grund beschlagener Spiegel und gefrorener Hände relativ schnell das
Handtuch warfen, lagen wir in unseren Schlafsäcken und erfreuten uns des kosmischen
Spektakels.
Um zwei Uhr hatte ich dann die unangenehme Aufgabe, meinen angestammten Liegeplatz zu
verlassen, um das Kameragesichtsfeld zu wechseln. Ein Blick auf den Kontrollmonitor ließ
mich zusammenzucken: Es waren kaum noch Sterne im Gesichtsfeld unserer MOVIE
auszumachen. Was war los - hatte etwa die Objektivheizung versagt? Der Heizwiderstand an
der Optik fühlte sich frostig an. Nach kurzer Zeit fand ich die Unglücksursache: Einer unserer
Mitstreiter (Namen werden nicht genannt, die akustische Auswertung der Videobänder brachte
jedoch später den Tolpatsch eindeutig zutage) war zuvor über einen Verteiler gestolpert, und
gerade die Heizung fiel deshalb aus.
Wie war nun aber die dicke Eisschicht auf dem Objektiv zu entfernen? Ein leises Tuckern im
Hintergrund erinnerte mich an die Anwesenheit unseres Generators, sein warmer Auspuff ließ
das Eis auf der Linse ganz meinen Wünschen entsprechend binnen Minuten tauen. Inzwischen
waren nur meine Hände an den Metallteilen des Bildverstärkers angefroren...
Um halb drei ging dann die normale Beobachtung weiter. Leider blieb uns bei verbesserter
Durchsicht und deutlich mehr Meteoren nur noch eine gute Stunde, dann zog ziemlich
schlagartig der ganze Himmel zu. Um vier Uhr entschlossen wir uns zum Aufbruch, nach nur
einer Stunde war wieder alles im Auto verstaut (zugegebenermaßen nicht ganz so ordentlich
wie auf dem Hinweg), und pünktlich um sechs waren wir in unserem Quartier zurück.
Während es für die meisten nun erst richtig Nacht wurde, begann für ein müdes Geschöpf unter
uns der neue Arbeitstag.
Was war nur mit Murphy los in dieser Nacht: Hatte er geschlafen und uns trotz
Objektivvereisung die Chance für unsere ersten Videometeorparallaxen gegeben?
Nein, hatte er nicht...
Wie sich nach der verdienten Bettruhe mittags herausstellte, hatten Marc und Felix zunächst
noch weniger Wetterglück als wir gehabt. Bei Ihnen zog der Himmel schon um Mitternacht zu,
so daß sie sich bald darauf einen neuen Beobachtungsplatz suchen mußten. Dort konnten sie
pünktlich um vier Uhr wieder loslegen, also gerade zu dem Zeitpunkt, als wir am einpacken
waren. Obwohl sie nur wenige Kilometer von uns entfernt waren, hatten sie dann bis zum
Sonnenaufgang beste Beobachtungsbedingungen. Auf Grund des Ausfalls des
Sprechfunkanlage konnten wir davon jedoch nichts wissen. So war trotz der nahezu 100
Meteore, die wir später auf unseren Videobändern fanden, wieder keine Doppelsichtung dabei.
Immerhin versprachen die schnell errechneten Stromraten der visuellen Beobachtungen ein
interessantes, 'strukturreiches' Quadrantidenmaximum, daß sich zum Teil auch in der variablen
Zahl der Videometeore widerspiegelte.
Während die darauffolgende Nacht zur allgemeinen Erholung schlafend verbracht wurde - es
war sowieso kräftig bewölkt - zog es uns am 5.Januar noch einmal in die Kälte. Bei -14°
suchten wir uns vorsorglich einen etwas höher gelegenen und damit trockeneren Platz im
Weserbergland. Wieder starrten wir für 2 Stunden in die Nacht um auch wirklich
bezeugen zu können, daß keine Quadrantiden mehr zu sehen waren. Immerhin huschte uns
während dieser Zeit die insgesamt schönste Sternschnuppe durch Kameragesichtsfeld: Sie hatte
eine Helligkeit von -4 mag und zog nahezu in Zeitlupe am Himmel ihre Bahn. Unser auf dem
Videoband festgehaltener Begeisterungsruf kostete mich beim späteren Sichten der
Videobänder fast die Trommelfelle. So etwas Schönes hatten wir in der Maximumsnacht nicht
bewundern können!
Bleibt das Fazit: Nun erst recht! Wir lassen uns von Widrigkeiten jedweder Art nicht klein
kriegen und planen bereits die nächste Parallelbeobachtung mit unseren holländischen
Freunden.